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Wenn Mädchen mit ADHS an sich zweifeln: Wie Selbstwert wieder wachsen kann

Aus meiner Diplomarbeit am IKP

Als Lehrerin begegne ich immer wieder jungen Frauen, die sich in der Schule kaum noch etwas zutrauen. Viele von ihnen haben jahrelang gekämpft, sich angepasst und trotzdem das Gefühl bekommen, nicht zu genügen. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

In meiner Diplomarbeit am IKP bin ich darum der Frage nachgegangen: Wie kann körperzentrierte psychologische Beratung jungen Frauen mit ADHS helfen, wieder an sich zu glauben? Hier teile ich, was ich dabei gelernt habe.

Eine violette Kugelblüte in voller Blüte
Was gute Bedingungen bekommt, darf wachsen und aufblühen.

Zu diesem Text: Dieser Text fasst allgemeines Wissen zusammen und vereinfacht es bewusst, damit es gut lesbar bleibt. Im echten Leben ist es meist vielschichtiger. Jeder Mensch und jede Situation ist anders und verdient einen eigenen Blick. Was davon für Dich stimmt, entscheidest Du selber.

Selbstbild und Selbstwert

Jeder Mensch hat ein Bild von sich selbst. Fachleute nennen das Selbstkonzept. Es umfasst, wie wir uns sehen: was wir können, wer wir sind, wie wir sind. Der Selbstwert ist die Bewertung dieses Bildes, also wie wir uns damit fühlen.

Für die Schule gibt es ein eigenes Selbstbild. Es klingt zum Beispiel so: «In Mathe bin ich gut.» Oder: «Lernen ist nichts für mich.» Dieses Bild hängt eng mit dem Lernen zusammen. Wer sich etwas zutraut, lernt oft leichter. Wer immer wieder Misserfolge erlebt, traut sich weniger zu. Daraus kann ein Kreislauf entstehen, der sich selbst verstärkt.

Dazu kommt etwas Erstaunliches: Menschen halten oft an ihrem Selbstbild fest, auch wenn es ein negatives ist. Darum reicht es selten, jemandem einfach zu sagen: «Du kannst das doch.»

Warum es gerade Mädchen mit ADHS trifft

Viele Mädchen und junge Frauen mit ADHS strengen sich enorm an, um nicht aufzufallen. Wenn trotzdem etwas misslingt, suchen sie den Fehler bei sich. Dazu kommen oft Rückmeldungen wie «Du musst Dich einfach mehr bemühen». Mit der Zeit wird daraus ein Satz, den sie selbst glauben.

Wie ADHS bei Mädchen oft übersehen wird, beschreibe ich im Eintrag ADHS bei Mädchen und Frauen.

Wie das Selbstbild entsteht

Unser Selbstbild entsteht nicht im luftleeren Raum. Rückmeldungen von Eltern, Lehrpersonen und anderen wichtigen Menschen wirken wie ein Spiegel. Darin sehen wir, wer wir sind.

Der Psychologe Carl Rogers hat beschrieben, was Menschen wachsen lässt: angenommen werden, ohne Bedingungen. Wer dagegen nur Anerkennung bekommt, wenn er etwas leistet, macht sich oft abhängig vom Urteil anderer.

Aus wiederholten Botschaften entstehen Glaubenssätze, also innere Überzeugungen wie «Ich bin nicht gut genug». Manchmal wächst daraus auch eine innere Stimme, die ständig kritisiert. Man nennt sie den inneren Kritiker.

Die vier Säulen des Selbstwerts

Die Fachleute Potreck und Jacob beschreiben den Selbstwert wie ein Haus, das auf vier Säulen steht:

  • Selbstakzeptanz: die eigenen Stärken und Schwächen annehmen und die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen.
  • Selbstvertrauen: den eigenen Fähigkeiten vertrauen und mit Rückschlägen umgehen können.
  • Soziale Kompetenz: Beziehungen gestalten können.
  • Soziales Netz: Menschen haben, die verlässlich da sind.

An jeder Säule lässt sich bauen. Am Anfang steht aber etwas Leiseres: sich selbst freundlich zuzuwenden. Eine achtsame Haltung kann dabei helfen.

Ressourcen: das, was trägt

Ressourcen sind alles, was ein Mensch als wertvoll oder hilfreich erlebt. Das können Fähigkeiten sein, Interessen, Menschen, Orte oder Erinnerungen.

Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe beschreibt, dass Ressourcen für Veränderung oft wichtiger sind als die Probleme selbst. Wer etwas Stärkendes erlebt, fühlt sich besser, ist motivierter und entdeckt weitere Kräfte. So kann eine Aufwärtsspirale entstehen. Kleine Erfolge wirken dabei besonders stark. Mehr zur Kraft der Freude findest Du im Eintrag Warum Spiele in der Beratung so wertvoll sind.

Ressourcenorientiert heisst aber nicht, Schwieriges wegzulächeln. Belastungen dürfen genauso Platz haben. Es geht um beides: ernst nehmen, was schwer ist, und sehen, was trägt.

Wie ich das in der Beratung umsetze

Diese Erkenntnisse prägen meine Arbeit. Je nachdem, was jemand braucht, gehören zum Beispiel diese Dinge dazu:

  • Eine verlässliche, wertschätzende Beziehung: Sie ist der Boden für alles andere.
  • Fragen, die Stärken sichtbar machen: zum Beispiel «Wann ist es schon einmal etwas besser gegangen?» oder «Wo stehst Du auf einer Skala von 1 bis 10?»
  • Stärken im Körper spüren: Wir erinnern uns an Momente, in denen etwas gelungen ist, und spüren nach, wie sich das im Körper anfühlt.
  • Den Zugang wechseln: Wenn das Denken feststeckt, hilft oft ein bewusster Wechsel zwischen Lebensbereichen oder Sinneskanälen, zum Beispiel vom Denken zu Bildern, zu Bewegung oder zum Spüren. Im IKP-Ansatz heisst das Shiften.
  • Mit dem inneren Kritiker arbeiten: zum Beispiel mit Figuren, die die kritische und die wohlwollende Seite sichtbar machen.
  • Wissen über ADHS: Wer versteht, was hinter den eigenen Schwierigkeiten steckt, kann sich selbst milder begegnen.
  • Erfolge festhalten: Was gelungen ist, darf gesehen und gewürdigt werden.

Was ich mitgenommen habe

Am meisten hat mich berührt, wie wichtig eine Beziehung ist, in der sich jemand sicher und angenommen fühlt. Erst dann wird es möglich, Schritt für Schritt Neues zu wagen, im eigenen Tempo.

Ich habe auch gelernt: Der Blick auf die Ressourcen wirkt dann, wenn er bleibt. Auch in Phasen mit Rückschritten oder Widerstand. Und ich weiss aus eigener Erfahrung, dass die Arbeit am Selbstwert nie ganz abgeschlossen ist. Das darf so sein.

Für Eltern

Als Mutter oder Vater bist Du ein wichtiger Spiegel für Dein Kind. Es kann viel bewirken, wenn Du bewusst benennst, was gelingt, auch Kleines. Und wenn Dein Kind spürt, dass es geliebt wird, unabhängig von Noten. Ich begleite Dich gerne dabei, diesen Blick zu stärken.

Gut zu wissen

Psychologische Beratung ist keine Psychotherapie. Ich stelle keine Diagnosen und behandle keine psychischen Erkrankungen. Für eine Begleitung bei mir brauchst Du keine Diagnose.

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Quellen: Cuzzucoli, L. (2026): Weibliches ADHS im Schulalltag. Diplomarbeit IKP Zürich (unveröffentlicht) · Potreck, F. & Jacob, G. (2016): Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen. Stuttgart: Klett-Cotta · Grawe, K. & Grawe-Gerber, M. (1999): Ressourcenaktivierung. Psychotherapeut, 44(2), 63–73 · Flückiger, C. & Beesdo-Baum, K. (2020): Ressourcenaktivierung. In: Hoyer & Knappe (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie. Heidelberg: Springer · Maurer, Y. (2020): Körperzentrierte Psychotherapie IKP. Ganzheitlich orientierte Behandlungskonzepte und Therapiebeispiele. 4. überarbeitete Auflage. Zürich: IKP-Verlag · Carl, C., Ditrich, I., Koentges, C. & Matthies, S. (2022): Die Welt der Frauen und Mädchen mit AD(H)S. Warum sie so besonders sind und was sie stark macht. Weinheim: Beltz

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Die violette Praxistür von Raum 310, davor eine Fussmatte mit Herz

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Mattenhofstrasse 5, 3007 Bern, im DAZ/WISCHEN-Gebäude, 3. Stock, Raum 310. Ein Lift und wenige Parkplätze vor dem Gebäude oder in der Nähe sind vorhanden. Praxistage sind Donnerstag und Freitag.

Ich bin Mitglied der SGfB, halte mich an die ethischen Richtlinien des IKP und unterstehe der Schweigepflicht.