
Zu diesem Text: Dieser Text fasst allgemeines Wissen zusammen und vereinfacht es bewusst, damit es gut lesbar bleibt. Im echten Leben ist es meist vielschichtiger. Jeder Mensch und jede Situation ist anders und verdient einen eigenen Blick. Was davon für Dich stimmt, entscheidest Du selber.
ADHS in Kürze
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Sie zeigt sich in drei Bereichen: Aufmerksamkeit, Aktivität und Impulsivität. Die Merkmale liegen auf einem Spektrum mit fliessenden Übergängen. Bei manchen steht die Unaufmerksamkeit im Vordergrund, bei anderen die Unruhe, bei vielen beides.
Die ADHS-Coachin Jana Landolt beschreibt die Aufmerksamkeit bei ADHS mit einem schönen Bild: Sie ist weniger wie eine Taschenlampe, die man gezielt auf etwas richtet, sondern eher wie eine Discokugel. Sie streift vieles, bleibt mal hier, mal dort. Und wenn etwas wirklich interessiert, kann sie stundenlang dabeibleiben.
Warum es oft so spät erkannt wird
Studien zeigen: Bei Mädchen dauert es im Durchschnitt rund fünf Jahre länger als bei Jungen, bis ADHS erkannt wird. Dafür gibt es mehrere mögliche Gründe:
- Die Unruhe ist innen: Statt durch das Klassenzimmer zu rennen, kreisen die Gedanken. Anspannung und Nervosität sieht man von aussen kaum.
- Anpassung und Fleiss gleichen viel aus: Viele Mädchen machen Konzentrationsschwierigkeiten lange mit Neugier, Interesse und grosser Anstrengung wett.
- Erwartungen spielen mit: Von Mädchen wird oft erwartet, ruhig und angepasst zu sein. Viele erfüllen das, auch wenn es sie viel Kraft kostet.
- Andere Belastungen fallen zuerst auf: Manchmal werden zuerst Ängste, Erschöpfung oder Perfektionismus gesehen. Was dahinterliegen könnte, bleibt verborgen.
- Die Pubertät verändert vieles: Hormonelle Schwankungen können die Schwierigkeiten verstärken. Das Umfeld erklärt sie dann oft mit der Pubertät.
- Es wird anders gedeutet: Schwierigkeiten werden schnell als Faulheit, Schüchternheit oder fehlende Motivation verstanden.
Was das mit dem Selbstbild machen kann
Wer keine Erklärung für die eigenen Schwierigkeiten hat, sucht den Grund oft bei sich selbst. Viele Mädchen und Frauen mit ADHS kennen Sätze wie «Ich bin zu dumm» oder «Ich bin einfach zu faul». Dazu kommt oft das Gefühl, anders oder falsch zu sein.
Solche Erfahrungen prägen das Bild, das man von sich hat. In der Schule zum Beispiel: Wer immer wieder erlebt, dass trotz grosser Mühe etwas nicht gelingt, traut sich mit der Zeit immer weniger zu. Fachleute beschreiben, dass ein solches negatives Selbstbild fast wie eine zweite Last zur ADHS dazukommen kann.
Jana Landolt bringt es auf den Punkt: Viele Mädchen verwechseln «etwas falsch machen» mit «falsch sein». Das ist ein grosser Unterschied.
Starke Gefühle, Nervensystem und Zyklus
Viele Frauen mit ADHS erleben ihre Gefühle sehr intensiv. Die Stimmung kann schnell kippen, Frust staut sich rasch an, manchmal bricht etwas heftig heraus. Fachleute sprechen von emotionaler Dysregulation, also davon, dass sich Gefühle schwer steuern lassen. Viele Frauen erleben gerade das als eine der grössten Belastungen. In den offiziellen Kriterien für eine ADHS-Diagnose kommt es trotzdem bisher nicht vor.
Jana Landolt beschreibt dazu ein hilfreiches Bild, das Toleranzfenster nach dem Psychiater Dan Siegel. Im grünen Bereich fühlst Du Dich einigermassen ruhig und kannst klar denken. Im roten Bereich bist Du übererregt: Wut, Angst oder Unruhe nehmen überhand. Im blauen Bereich bist Du untererregt: Du fühlst Dich leer, antriebslos oder wie erstarrt. Bei ADHS ist der grüne Bereich oft schmal. Man fliegt schnell oben oder unten hinaus.
Die gute Nachricht: Das Fenster lässt sich mit der Zeit weiten. Zum Beispiel mit Dingen, die Freude machen, mit Bewegung und mit kleinen Übungen für den Körper, die zuverlässig beruhigen oder aktivieren. Wenn Du merkst, in welchem Bereich Du gerade bist, kannst Du früher gegensteuern.
Auch die Hormone spielen mit. In der Pubertät und in der zweiten Zyklushälfte, besonders in der Woche vor der Menstruation, können sich Konzentrationsschwierigkeiten und Stimmungsschwankungen verstärken. Es kann helfen, den eigenen Zyklus zu beobachten, zum Beispiel in einem Kalender. Dann lassen sich anstrengende Aufgaben, wenn möglich, in leichtere Tage legen. Bei starken Beschwerden lohnt sich ein Gespräch mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
Was stärken kann
Für meine Diplomarbeit habe ich mich damit beschäftigt, wie Mädchen und junge Frauen mit ADHS wieder mehr Vertrauen in sich gewinnen können. Diese Punkte haben sich als wichtig gezeigt:
- Verstehen: Zu wissen, was ADHS ist und wie es sich bei Dir zeigt, kann sehr entlasten. Fachleute nennen das Psychoedukation, also Wissen über das eigene Erleben.
- Eine wertschätzende Beziehung: Sich angenommen fühlen, so wie man ist, ist oft der Boden, auf dem Neues wachsen kann.
- Stärken sehen: Viele Menschen mit ADHS sind kreativ, neugierig, feinfühlig und können sich in Themen vertiefen, die sie begeistern.
- Kleine Erfolge erleben: Sie können eine Abwärtsspirale unterbrechen und Zuversicht wachsen lassen.
- Den Körper einbeziehen: Wer merkt, wann Anspannung steigt, kann früher gegensteuern.
- Das Umfeld einbeziehen: Auch Eltern können lernen, den Blick auf das zu richten, was gelingt.
Wie Selbstwert wieder wachsen kann und wie ich das in der Beratung umsetze, beschreibe ich ausführlicher im Eintrag Wenn Mädchen mit ADHS an sich zweifeln.
Für Eltern
Vielleicht erkennst Du in diesem Text etwas von Deiner Tochter wieder. Das muss nicht heissen, dass sie ADHS hat. Vieles kann hinter solchen Schwierigkeiten stecken. Wenn Du unsicher bist, kann eine Fachperson, die sich mit ADHS auskennt, eine Abklärung machen. Und unabhängig davon tut es gut, wenn Dein Kind spürt: Du siehst, wie sehr es sich bemüht.
Gut zu wissen
Ich stelle keine Diagnosen. Für eine Begleitung bei mir brauchst Du keine Diagnose. Wenn eine ADHS-Diagnose vorliegt, kann eine Beratung ein Baustein neben anderen sein, zum Beispiel neben ärztlicher Behandlung.
Quellen: Cuzzucoli, L. (2026): Weibliches ADHS im Schulalltag. Diplomarbeit IKP Zürich (unveröffentlicht) · Carl, C., Ditrich, I., Koentges, C. & Matthies, S. (2022): Die Welt der Frauen und Mädchen mit AD(H)S. Warum sie so besonders sind und was sie stark macht. Weinheim: Beltz · Landolt, J. (2024): Anders und richtig! Das Begleitbuch für junge Frauen mit ADHS. Basel: Animo Coaching · Skoglund, L. B. (2025): Mädchen und Frauen mit ADHS. Überraschend anders. Von Pubertät bis Menopause: Wie Frauen in jeder Lebensphase ihr volles Potential ausschöpfen. Stuttgart: Trias

