Startseite / Wissen / Autismus bei Mädchen und Frauen

Autismus bei Mädchen und Frauen: Was zeigt sich anders?

Wenn die Tarnung gut gelingt

«Du warst doch immer ein ganz normales Mädchen.» Diesen Satz hören viele Frauen, die erst als Erwachsene erfahren, dass sie autistisch sind. Von aussen war wenig zu sehen. Innen haben sie sich oft schon lange anders gefühlt, ohne zu wissen, warum.

Ruhiges Wasser, in dem sich ein weiter Himmel spiegelt
Unter einer ruhigen Oberfläche kann viel in Bewegung sein.

Zu diesem Text: Dieser Text fasst allgemeines Wissen zusammen und vereinfacht es bewusst, damit es gut lesbar bleibt. Im echten Leben ist es meist vielschichtiger. Jeder Mensch und jede Situation ist anders und verdient einen eigenen Blick. Was davon für Dich stimmt, entscheidest Du selber.

Autismus in Kürze

Autismus beschreibt eine andere Art, Reize, Sprache und soziale Situationen wahrzunehmen und zu verarbeiten. Auch Autismus ist ein Spektrum. Jede autistische Person ist anders. Etwa ein Prozent der Menschen ist autistisch.

Warum Mädchen und Frauen oft übersehen werden

Lange ging man davon aus, dass vor allem Jungen autistisch sind. Heute nimmt man an, dass auf eine autistische Frau etwa zwei bis drei autistische Männer kommen. Wie das Verhältnis wirklich ist, weiss man aber nicht genau. Vermutlich bleiben viele Mädchen und Frauen unerkannt.

Ein Grund ist das Masking, also das Tarnen. Viele autistische Mädchen beobachten sehr genau, wie andere sich verhalten, und lernen die Regeln des Miteinanders fast wie eine Fremdsprache. Das gelingt oft so gut, dass niemand etwas merkt. Eine Studie aus Norwegen deutet zudem darauf hin, dass autistische Merkmale bei Mädchen in der Schule eher unterschätzt werden.

Mehr über Masking

Was sich anders zeigen kann

Die folgenden Punkte sind keine Checkliste. Sie zeigen, wie vielfältig Autismus bei Mädchen und Frauen aussehen kann:

  • Der Wunsch nach Freundschaft: Viele autistische Mädchen und Frauen haben Freundschaften und wünschen sich Nähe. Gleichzeitig kostet sie das Miteinander oft viel Energie.
  • Intensive Interessen, die kaum auffallen: Die Themen unterscheiden sich von aussen oft nicht von denen anderer. Besonders ist eher, wie tief und ausdauernd sich jemand damit beschäftigt. Manche haben als Kind lieber gesammelt, sortiert und angeordnet als Rollen gespielt.
  • Feine Sinne: Geräusche, Licht, Gerüche oder Stoffe auf der Haut können sehr intensiv sein. Das kann im Alltag schnell zu viel werden.
  • Belastung nach innen: Wutausbrüche sind seltener. Häufiger zeigen sich Anspannung, Ängste, Rückzug oder Erschöpfung. Wenn alles zu viel wird, kann es zu einem Meltdown oder einem Shutdown kommen. Bei einem Meltdown lässt sich die Fassade nicht mehr halten, und die angestaute Anspannung bricht durch. Das kann nach aussen geschehen. Ein Meltdown kann sich aber auch nach innen richten, zum Beispiel als heftige Selbstvorwürfe oder als Hass auf sich selbst. Bei einem Shutdown schaltet das System eher auf Notaus: Sprechen und Reagieren gehen dann kaum noch. Manche halten durch, bis sie allein zu Hause sind, damit niemand es sieht.
  • Neues braucht Vorbereitung: Unbekannte Situationen und Übergänge kosten viel Kraft. Es hilft, vorher zu wissen, was einen erwartet.

Wenn die Kraft ausgeht

Man kann es sich vorstellen wie einen Akku. Jeder Mensch startet mit einer bestimmten Ladung in den Tag. Jede Tätigkeit braucht Energie. Für autistische Menschen brauchen viele alltägliche Dinge mehr Energie als für andere: Reize filtern, soziale Situationen deuten, sich anpassen. Der Akku ist darum oft schneller leer.

Wenn über längere Zeit mehr Energie gebraucht wird, als da ist, kann eine tiefe Erschöpfung entstehen. In der autistischen Community spricht man von «Autistic Burn-out». Der Begriff ist nicht einheitlich definiert. Er beschreibt eine Erschöpfung, in der selbst kleine Aufgaben und Reize zu viel werden.

Übergänge, zum Beispiel in die Lehre oder eine weiterführende Schule

Der Wechsel in eine Lehre oder in eine weiterführende Schule bringt viel Neues: einen anderen Tagesrhythmus, neue Menschen, neue Abläufe. In der Lehre kommt oft ein anderer Umgangston im Betrieb dazu. Häufig gibt es wenig Rückzugsmöglichkeiten, und lange Tage lassen kaum Zeit für die eigenen Interessen. Dabei sind gerade diese Interessen für viele eine wichtige Kraftquelle. Es lohnt sich, solche Übergänge gut vorzubereiten und zu begleiten.

Was entlasten kann

  • Sich selbst verstehen: Zu wissen, warum manches so anstrengend ist, kann viel Druck nehmen.
  • Energie einteilen: Den eigenen Akku im Blick behalten und Erholung fest einplanen.
  • Reize dosieren: Zum Beispiel mit Kopfhörern, ruhigen Orten oder kurzen Pausen.
  • Interessen pflegen: Sie sind kein Luxus, sondern oft eine Quelle von Ruhe und Freude.
  • Austausch: Andere kennenzulernen, die ähnlich erleben, kann sehr entlastend sein.

Gut zu wissen

Ob jemand autistisch ist, kann nur eine Fachstelle mit einer Abklärung feststellen. Ich stelle keine Diagnosen. Für eine Begleitung bei mir brauchst Du keine Diagnose, auch nicht, wenn Du zuerst einfach Deine Fragen sortieren möchtest.

Mehr zu ADHS & Autismus

Quelle: Mannherz, M., Ditrich, I. & Koentges, C. (2025): Die Welt autistischer Frauen und Mädchen. 2. Auflage. Weinheim: Beltz

Melde Dich, wenn Du magst

Ich freue mich, von Dir zu hören.

Die violette Praxistür von Raum 310, davor eine Fussmatte mit Herz

Ich schreibe hier im Du, weil es sich für mich nah und natürlich anfühlt. Wenn Dir das Sie lieber ist, ist das genauso in Ordnung. Sag es mir einfach.

Mattenhofstrasse 5, 3007 Bern, im DAZ/WISCHEN-Gebäude, 3. Stock, Raum 310. Ein Lift und wenige Parkplätze vor dem Gebäude oder in der Nähe sind vorhanden. Praxistage sind Donnerstag und Freitag.

Ich bin Mitglied der SGfB, halte mich an die ethischen Richtlinien des IKP und unterstehe der Schweigepflicht.